Schärpen im Kung Fu

Schärpen oder Gürtel?


Fujian: Kleidung, Familie und die eigene Schulfarbe
In der chinesischen Provinz Fujian trugen Menschen seit Jahrhunderten einfache Kleidung aus praktischen Gründen. Eine lose Jacke, eine weite Hose, gehalten von einem schmalen Stoffband, mehrfach um den Körper gewickelt. Braun war eine übliche Farbe für Arbeitskleidung, Weiss die traditionelle Farbe der Trauer. In dieser Region waren vor allem Weisser-Kranich-Stile und Nan Quan, die südlichen Faustkünste, verbreitet. Anders als das Bild grosser Klosterschulen vermuten lässt, wurden diese Künste meist innerhalb von Familien weitergegeben, nicht durch religiöse Organisationen. Die Menschen lebten in kleinen Weilern und mussten sich gegen aussen selbst zur Wehr setzen.

Die mündliche Überlieferung führt Wing Chun zum zerstörten Südshaolin-Kloster und zur Nonne Ng Mui, die ihr Wissen an Yim Wing Chun weitergegeben haben soll. Der Name selbst verweist zudem auf den Kreis Yong Chun in Fujian, die Heimat des dortigen Weisser-Kranich-Stils. Historisch gesichert ist diese Herkunftserzählung nicht, sie ist Legende.

In dieser Region und in den Schulen, die sich davon ableiteten, hatte traditionell jede Kung-Fu-Schule ihre eigene Farbe. Die Kleidung bestand meist aus einer weiten, unten gebundenen Hose, der sogenannten Laternenhose, und einem T-Shirt mit dem Namen oder Emblem der Schule, zunächst aufgesteckt oder appliziert, später gedruckt. Dazu kam die Schärpe in der jeweiligen Schulfarbe. Diese Farbe zeigte keinen individuellen Rang, sondern die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule und einem bestimmten Lehrer.

Fujian nach Okinawa: eine reale Wanderung
Was bei Wing Chun Legende bleibt, ist bei anderen Stilen gut belegt. Vor rund hundertfünfzig Jahren reiste der junge Okinawaner Kanryo Higaonna nach Fuzhou in Fujian und studierte dort von 1868 bis 1882 unter dem Meister Ryu Ryu Ko die Kunst des Weissen Kranichs. Zurück auf Okinawa wurde daraus eine der Wurzeln des späteren Goju-Ryu Karate. Higaonna war kein Einzelfall, Okinawa unterhielt über Jahrhunderte regen Handel mit Fujian, und mit den Waren reisten auch die Kampfkünste.

Auf Okinawa selbst trainierte man lange in robuster Alltagskleidung, ganz ähnlich wie in Fujian. Ein Graduierungssystem gab es nicht, der Meister kannte den Stand jedes einzelnen Schülers ohnehin. Auch beim Material zeigt sich die Fujian-Herkunft. Der spätere Karate-Gi, Jacke wie Hose, bestand ursprünglich aus Leinen, nicht aus Baumwolle. Erst im Lauf der Zeit setzte sich Baumwolle als Standard durch.

Okinawa nach Japan: aus Kleidung wird ein System
Die eigentliche Systematisierung kam erst mit dem Kontakt zwischen Okinawa und dem japanischen Festland. Gichin Funakoshi, Begründer des modernen Karate, brachte seine Kunst von Okinawa nach Japan und traf dort auf Jigoro Kano, den Begründer des Judo. Kano hatte bereits ab etwa 1880 sein eigenes System aufgebaut. Seine Schule wuchs schnell, er unterrichtete keine kleinen Familiengruppen mehr, sondern grosse Schülerzahlen, und brauchte eine Möglichkeit, den Stand jedes Einzelnen auf einen Blick zu erkennen.
Kano griff dazu auf die ältere japanische Einteilung in Kyu- und Dan-Stufen zurück, wie sie auch beim Brettspiel Go verwendet wurde. 1907 stellte er zudem eine standardisierte Trainingsuniform vor, den Judogi. Erst durch die Begegnung mit diesem System übernahm auch Funakoshi eine einheitliche Trainingskleidung und ein Graduierungssystem für sein Karate, bei dem die Gürtelfarbe nun den individuellen Fortschritt einer Person anzeigte, nicht mehr die Zugehörigkeit zu einer Schule. Dieses System verbreitete sich später weltweit weiter, unter anderem ab den 1930er-Jahren über Genji Koizumi in England.
Foshan und Taipeh: der belegte Weg unseres Stils
Historisch ebenfalls gut dokumentiert ist der spätere Weg unseres eigenen Wing Chun über Foshan in der Provinz Guangdong. Dort baute Grossmeister Yip Man im 20. Jahrhundert die Linie auf, die heute weltweit am bekanntesten ist. Sein Neffe und Schüler Lo Man-kam, dessen Familie ihre Wurzeln ebenfalls in Foshan hat, eröffnete 1974 in Taipeh eine eigene Schule. Bis heute wird er, auch von ihm selbst, oft als Erster genannt, der Wing Chun in Taiwan unterrichtete. Diese Behauptung ist allerdings umstritten, denn andere Lehrer, die Wing Chun in anderen Linien vermittelten, unterrichteten zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten in Taiwan, darunter auch unser eigener Shifu He Shan-Fa. Bereits im selben Jahr wie die Schuleröffnung kamen die ersten ausländischen Schüler zu Lo Man-kam, in den folgenden Jahren auch aus der Schweiz.

Unser eigener Weg: 1981 bis heute
1981 begann bei uns das Wing-Chun-Training in der Schweiz. 1986 beziehungsweise 1987 ging es weiter direkt zur Quelle, zu Lo Man-kam nach Taipeh. Bei ihm wurde bis April 2000 trainiert, über vierzehn Jahre lang.
Nach diesem Abschluss begann die Suche nach einer weiteren, eigenständigen Schule und einem eigenen Stammbaum. 2004 fand sich diese Verbindung in Tainan, im Stadtbezirk Yongkang, bei He Shan-Fa. Bei ihm wurde bis zu dessen Tod trainiert, das System dort vollständig abgeschlossen. Die grüne, glänzende Schärpe gehört zu dieser Linie, ganz in der Tradition der eigenen Schulfarben, wie sie in dieser Region seit Generationen üblich ist. Sie ist nicht die Farbe unseres alltäglichen Trainings in Europa, sondern wird bei Besuchen in Tainan getragen, als Zeichen der Zugehörigkeit zu dieser abgeschlossenen Linie und als Ausdruck des Respekts ihr gegenüber.

Wo beide Fäden bei uns zusammenfliessen
Für den eigenen Unterricht in Europa orientieren wir uns dagegen an jenem Farbsystem, das über Okinawa und Japan entstand und sich von dort aus international durchgesetzt hat, unter anderem über Judolehrer wie Mitsuyo Maeda auch im brasilianischen Jiu Jitsu. Dieses System aus Weiss, Blau, Lila, Braun und Schwarz, mit weiteren Zwischenfarben je nach Schule, ist heute weltweit bekannt, nicht zuletzt durch die Verbreitung des Judo und des brasilianischen Jiu Jitsu im Sport und im Film.

Der Grund für diese Wahl ist ein praktischer. Neue Schülerinnen und Schüler kennen dieses Farbsystem meist schon, bevor sie zu uns kommen. Wer seinen Freunden von der eigenen weissen oder später schwarzen Schärpe erzählt, wird sofort verstanden, weil diese Zuordnung inzwischen allgemein bekannt ist.
Damit tragen wir heute beide Fäden gleichzeitig. Den einen, der über Fujian, Okinawa und Japan zu einem international lesbaren Rangsystem wurde, und den er in unserem Alltagstraining in Europa verwenden. Und den anderen, der über Fujian, Foshan, Taipeh und Tainan zu einer eigenen Linie und einer eigenen Schulfarbe führte, und den wir mit der grünen Schärpe bei Besuchen in Tainan ehren.

Eine Schärpe, mehrere Schichten
Unsere Schärpe trägt damit mehrere Geschichten gleichzeitig. Die legendäre Herkunft aus Fujian, den Weg über Okinawa nach Japan, der aus Kleidung ein Rangsystem machte, den belegten Weg über Foshan zu Lo Man-kam in Taipeh von 1981 bis 2000, die eigene, abgeschlossene Linie in Tainan bei He Shan-Fa seit 2004, und die pragmatische, international verständliche Farbwahl, die wir im eigenen Unterricht in Europa verwenden. Keine dieser Schichten ersetzt die andere, sie liegen einfach übereinander, so wie sich auch die eigene Geschichte über verschiedene Orte, Lehrer und Jahrzehnte gelegt hat.

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