Schärpen im Kung Fu
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Schärpen oder Gürtel?

Fujian: Kleidung, Familie und die eigene Schulfarbe

Die Geschichte einer Schärpe: von Fujian über Okinawa und Japan bis nach Tainan

Historischer Ursprung

Die Schärpe hat ihren Ursprung in der Arbeitskleidung der ländlichen Bevölkerung Südchinas, vor allem in Fujian und Guangdong, den Herkunftsregionen zahlreicher südchinesischer Kampfkünste. Diese einfache Kleidung, bekannt als 裋褐 (shùhè) oder 短打 (duǎndǎ), bildete die Grundlage der späteren Trainingskleidung. Eine lange Stoffschärpe hielt sie während Arbeit und Training zusammen, zunächst rein praktisch, erst später als Zeichen von Schulzugehörigkeit und Ausbildungsstand. Charakteristisch war zudem der überkreuzte Kragen 交領右衽 (jiāolǐng yòurèn), der sich bis heute in vielen Kung-Fu-Anzügen findet. Diese Verschlussform gilt als eine der deutlichsten historischen Gemeinsamkeiten mit dem späteren Karate-Gi.

Schärpen und Schulfarben in Fujian

In der chinesischen Provinz Fujian trugen Menschen seit Jahrhunderten einfache Kleidung aus praktischen Gründen. Eine lose Jacke, eine weite Hose, gehalten von einem schmalen Stoffband, mehrfach um den Körper gewickelt. Braun war eine übliche Farbe für Arbeitskleidung, Weiss die traditionelle Farbe der Trauer. In dieser Region waren vor allem Weisser-Kranich-Stile und Nan Quan, die südlichen Faustkünste, verbreitet. Anders als das Bild grosser Klosterschulen vermuten lässt, wurden diese Künste meist innerhalb von Familien weitergegeben, nicht durch religiöse Organisationen. Die Menschen lebten in kleinen Weilern und mussten sich gegen aussen selbst zur Wehr setzen.

Die mündliche Überlieferung führt Wing Chun zum zerstörten Südshaolin-Kloster und zur Nonne Ng Mui, die ihr Wissen an Yim Wing Chun weitergegeben haben soll. Der Name selbst verweist zudem auf den Kreis Yong Chun in Fujian, die Heimat des dortigen Weisser-Kranich-Stils. Historisch gesichert ist diese Herkunftserzählung nicht, sie ist Legende.

In dieser Region und in den Schulen, die sich davon ableiteten, hatte traditionell jede Kung-Fu-Schule ihre eigene Farbe. Die Kleidung bestand meist aus einer weiten, unten gebundenen Hose, der sogenannten Laternenhose, dazu ein T-Shirt mit Namen oder Emblem der Schule. Dieses war zunächst aufgesteckt oder appliziert, später gedruckt. Dazu kam die Schärpe in der jeweiligen Schulfarbe. Diese Farbe zeigte keinen individuellen Rang, sondern die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule und einem bestimmten Lehrer.

Antike Arbeitskleidung aus Fujian

Fujian nach Okinawa: eine reale Wanderung

Was bei Wing Chun Legende bleibt, ist bei anderen Stilen gut belegt. Vor rund hundertfünfzig Jahren reiste der junge Okinawaner Kanryo Higaonna nach Fuzhou in Fujian. Von 1868 bis 1882 studierte er dort unter dem Meister Ryu Ryu Ko die Kunst des Weissen Kranichs. Zurück auf Okinawa wurde daraus eine der Wurzeln des späteren Goju-Ryu Karate. Higaonna war kein Einzelfall, Okinawa unterhielt über Jahrhunderte regen Handel mit Fujian, und mit den Waren reisten auch die Kampfkünste.

Auf Okinawa selbst trainierte man lange in robuster Alltagskleidung, ganz ähnlich wie in Fujian, samt der eng gewickelten Schärpe um die Taille. Ein Graduierungssystem gab es nicht, der Meister kannte den Stand jedes einzelnen Schülers ohnehin. Auch beim Material zeigt sich die Fujian-Herkunft. Der spätere Karate-Gi, Jacke wie Hose, bestand ursprünglich aus Leinen, nicht aus Baumwolle. Erst im Lauf der Zeit setzte sich Baumwolle als Standard durch.

Okinawa nach Japan: aus der Schärpe wird ein Gürtelsystem

Die eigentliche Systematisierung kam erst mit dem Kontakt zwischen Okinawa und dem japanischen Festland. Gichin Funakoshi, Begründer des modernen Karate, brachte seine Kunst von Okinawa nach Japan und traf dort auf Jigoro Kano, den Begründer des Judo. Kano hatte bereits ab etwa 1880 sein eigenes System aufgebaut. Seine Schule wuchs schnell, er unterrichtete keine kleinen Familiengruppen mehr, sondern grosse Schülerzahlen. Dafür brauchte er eine Möglichkeit, den Stand jedes Einzelnen auf einen Blick zu erkennen.

Kano griff dazu auf die ältere japanische Einteilung in Kyu- und Dan-Stufen zurück, wie sie auch beim Brettspiel Go verwendet wurde. 1907 stellte er zudem eine standardisierte Trainingsuniform vor, den Judogi. Erst durch diese Begegnung übernahm auch Funakoshi eine einheitliche Trainingskleidung und ein Graduierungssystem für sein Karate. Die Gürtelfarbe zeigte darin nun den individuellen Fortschritt einer Person an, nicht mehr die Zugehörigkeit zu einer Schule. Dieses System verbreitete sich später weltweit weiter, unter anderem ab den 1930er-Jahren über Genji Koizumi in England.

Foshan und Taipeh: der belegte Weg unseres Stils

Historisch ebenfalls gut dokumentiert ist der spätere Weg unseres eigenen Wing Chun über Foshan in der Provinz Guangdong. Dort baute Grossmeister Yip Man im 20. Jahrhundert die Linie auf, die heute weltweit am bekanntesten ist. Sein Neffe und Schüler Lo Man-kam, dessen Familie ihre Wurzeln ebenfalls in Foshan hat, eröffnete 1974 in Taipeh eine eigene Schule. Bis heute wird er, auch von ihm selbst, oft als Erster genannt, der Wing Chun in Taiwan unterrichtete. Diese Behauptung ist allerdings umstritten. Andere Lehrer, die Wing Chun in anderen Linien vermittelten, unterrichteten bereits seit Jahrzehnten in Taiwan. Darunter auch unser eigener Shifu He Shan-Fa. Bereits im selben Jahr wie die Schuleröffnung kamen die ersten ausländischen Schüler zu Lo Man-kam, in den folgenden Jahren auch aus der Schweiz.

Shifu Lo Man-Kam

Unsere Schärpe: der eigene Weg von 1981 bis heute

1981 begann bei uns das Wing-Chun-Training in der Schweiz. Ab 1986 ging es weiter direkt zur Quelle, zu Lo Man-kam nach Taipeh. Bei ihm wurde bis April 2000 trainiert, über vierzehn Jahre lang.

Nach diesem Abschluss begann die Suche nach einer weiteren Wing-Chun-Schule in Asien mit einem eigenen Stammbaum. 2004 fand sich diese Verbindung im Süden Taiwans, genauer in Tainan, im Stadtbezirk Yongkang, bei He Shan-Fa. Bei ihm wurde bis zu dessen Tod trainiert. Das System dort wurde vollständig abgeschlossen. Die grüne, glänzende Schärpe gehört zu dieser Linie, ganz in der Tradition der eigenen Schulfarben, wie sie in dieser Region seit Generationen üblich ist. Sie ist nicht die Farbe unseres alltäglichen Trainings in Europa, sondern wird bei Besuchen in Tainan getragen, als Zeichen der Zugehörigkeit zu dieser abgeschlossenen Linie und als Ausdruck des Respekts ihr gegenüber.

Wo beide Fäden bei uns zusammenfliessen

Für den eigenen Unterricht in Europa orientieren wir uns dagegen an jenem Farbsystem, das über Okinawa und Japan entstand. Es setzte sich von dort aus international durch, unter anderem über Judolehrer wie Mitsuyo Maeda auch im brasilianischen Jiu Jitsu. Dieses System aus Weiss, Blau, Lila, Braun und Schwarz, mit weiteren Zwischenfarben je nach Schule, ist heute weltweit bekannt. Das liegt vor allem an der Verbreitung des Judo und des brasilianischen Jiu Jitsu im Sport und im Film.

Der Grund für diese Wahl ist ein praktischer. Neue Schülerinnen und Schüler kennen dieses Farbsystem meist schon, bevor sie zu uns kommen. Wer seinen Freunden von der eigenen weissen oder später schwarzen Schärpe erzählt, wird sofort verstanden, weil diese Zuordnung inzwischen allgemein bekannt ist.

Damit tragen wir heute beide Fäden gleichzeitig. Den einen, der über Fujian, Okinawa und Japan zu einem international lesbaren Rangsystem wurde, und den wir in unserem Alltagstraining in Europa verwenden. Und den anderen, der über Fujian, Foshan, Taipeh und Tainan zu einer eigenen Linie und einer eigenen Schulfarbe führte. Wir ehren ihn mit der grünen Schärpe bei Besuchen in Tainan.

Eine Schärpe, mehrere Schichten

Unsere Schärpe trägt damit mehrere Geschichten gleichzeitig. Die legendäre Herkunft aus Fujian. Den Weg über Okinawa nach Japan, der aus Kleidung ein Rangsystem machte. Den belegten Weg über Foshan zu Lo Man-kam in Taipeh von 1981 bis 2000. Die eigene, abgeschlossene Linie in Tainan bei He Shan-Fa seit 2004. Und die pragmatische, international verständliche Farbwahl, die wir im eigenen Unterricht in Europa verwenden. Keine dieser Schichten ersetzt die andere. Sie liegen einfach übereinander, so wie sich auch die eigene Geschichte über verschiedene Orte, Lehrer und Jahrzehnte gelegt hat.

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